Weser Kurier 20.12.2015 von

Wie Star Wars mit Bambus

Kendo ist ein Kampfsport, der nicht nur Beweglichkeit und Technik trainiert, sondern auch Entschlossenheit und Disziplin. (Frank Thomas Koch)
Kendo ist ein Kampfsport, der nicht nur Beweglichkeit und Technik trainiert, sondern auch Entschlossenheit und Disziplin. (Frank Thomas Koch)

Kendo, das ist ein Kampfsport, angelehnt an den japanischen Schwertkampf. So wie ihn die Samurai, die Krieger, früher erlernten. Nun säbeln sich die Kendoka heute nicht mehr die Köpfe ab, sondern haben den Fokus auf das sportliche Element gelegt – und benutzen deshalb Schwerter aus Bambus. Die tun nicht weh. Ganz ungefährlich ist der Sport trotzdem nicht. Blaue Flecken lassen sich nicht immer vermeiden. Trotz der schützenden blauen Rüstung. Die besteht aus einer mit Gitterstäben versehenen Maske, aus Handschuhen, Brustpanzer und Schurz und hängt eben dort, wo die Schläge der Bambusschwerter treffen und Punkte erzielen sollen: auf dem Kopf, an den Unterarmen, am Rumpf und am Kehlkopf.

 

So bewegt sie sich in der Sporthalle Borgfeld, diese indigoblaue Armee. Immer im Zweikämpfen, immer schlagend, dann wieder wartend. Ihre Schreie hallen an den pastellfarbenen Gymnastikbällen an den Wänden wider. Kendo ist vor allem eins: schnell, aggressiv und laut.

 

Aber es ist nicht unkontrolliert oder wahllos, wie da geschlagen wird. Jede Bewegung, jeder Schritt und Schlag muss vollständig durchgeführt werden. Ähnlich wie in einer Choreografie tanzen die blauen Krieger durch den Raum. Nur wer mit exakter Technik, mit dem vorderen Fuß fest auftritt und mit einem Kampfschrei seinen Gegner angreift, bekommt den Punkt. Innerhalb von zwei Minuten gilt es so, zwei Punkte zu erreichen.

 

Das verlangt Selbstkontrolle und Charakterstärke. Die Kendoka reißen nicht wild die Arme nach einem Treffer nach oben, die laufen nicht jubelnd durch die Halle und sie reißen sich auch keine Trikots vom Leib. Nein, Kendo trainiert mentale Eigenschaften: Respekt vor sich selbst und dem Gegner, Disziplin und Willensstärke.

 

Tim muss das erst noch lernen. Nur ein zögerlicher Schrei entweicht aus seinem Mund. Kaum hörbar dringt er hinter der Maske hrevor, als er gegen Nationalkendoka Lorenz anläuft. Obwohl er schon seit einem Jahr regelmäßig zu Peter Lowin in der Sporthalle Borgfeld trainiert, kämpft er erst seit zwei Monaten in Rüstung. Ein ganz anderes Gefühl. Denn wer Kendo ausüben will, muss meist das erste Jahr “trocken” üben, muss erst all die japanischen Kommandos, Benimmregeln und Rituale, muss Schläge und Taktiken kennen. Erst dann stehen sich die Kendoka im echten Zweikampf gegenüber. Und auf einmal haut auch jemand richtig zurück. “Das vertragen nicht alle”, sagt Peter Lowin. Der 66 Jahre alte Kendo-Trainer des TSV Borgfeld spricht von dem mentalen Druck im Zweikampf. “Manche gestandene Männer sind schon weinend herausgerannt, weil sie von einer Frau oder einem Jugendlichen getroffen wurden”, schmunzelt er.

 

Wie oft Sascha Yokoo das schon passiert ist, will er nicht verraten. Der Nationalcoach trainiert den Nationalkader, hat ein Jahr lang in Japan gelebt. Er besitzt den sechsten Dan, “damit ist er in Europa schon fast ein Heiliger”, sagt Lowin. Der achte Dan ist der höchste Grad. Auch Yokoos Frau ist Japanerin, auch sie übt Kendo aus. Während Kendo in Deutschland ein Randsportdasein fristet, sei Kendo in Japan groß, noch größer als Judo, schwärmt Sascha Yokoo. Der japanische Fußball sozusagen. Doch auch er, “der Heilige”, bekomme von jedem Otto-Normal-Japaner “etwas auf die Mütze”. So auch manchmal von seiner Frau. Persönlich nehme er das aber nicht. Sowie machten Kendo “nur Verrückte”, die, die “Star Wars” oder “The Last Samurai” cool fänden. Filmfreaks also. Davon gibt es in Deutschland nur ein paar Tausend. Und Sascha Yokoo muss sieben Frauen und sieben Männer von ihnen auswählen und vorbereiten, die dann im April in Skopje in Mazedonien allein und als Mannschaft kämpfen werden.

 

Bremer sind nicht unter den Kandidaten, weder vom TSV Borgfeld noch vom Budo-Club, die einzigen beiden Kendo-Vereine in der Stadt. Die Zahl der Kendoka schwankt zwischen fünf und zehn, dementsprechend ist auch das Niveau nicht so hoch, dass es für das Nationalteam reichen würde. Tim aber nimmt es gelassen. Der rote Kopf ist verschwunden. Er muss noch viel lernen. Es fängt bei ihm gerade an, richtig Spaß zu machen. Aber, wenn er Glück hat, kann er selbst einmal nach Japan fahren und dort trainieren. Sein Bruder studiert Japanologie und muss auf jeden Fall ein Auslandssemester machen. Erstmal radelt er aber noch eine Stunde mit dem Fahrrad nach Hause. Es ist das zweite Training an diesem Tag.

 

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Kendo kennt viele Rituale: So endet jede Übung mit einer kurzen Meditation. (Frank Thomas Koch)
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Kendo-Coach Sascha Yokoo. (Frank Thomas Koch)
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KENDO_Wie Star Wars mit Bambus - Aktuell
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